Artikel in der HAZ vom 21. August 2014 - Leben mit dem Tod

Das Hospiz Luise betreut seit 20 Jahren in seinem Haus in Kirchrode schwerst- und sterbenskranke Menschen

Die Sommersonne scheint über die Terrasse mit den großen orangenen Sonnenschirmen in das Esszimmer des Hospiz' Luise. Hinder der Fensterfront sitzt Karsten Kübler (Name geändert) in seinem Rollstuhl. Er kann die warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren. Der 54-jährige weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Vor drei Jahren wurde bei dem Polizisten die unheilbare Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert. Anders als bei dem berühmten Physiker Stephen Hawking, der ebenfalls an ALS leidet, schritt die Muskellähmung bei Kübler sehr schnell voran. Inzwischen ist der einst sportliche Mann vollständig gelähmt. In kürzester Zeit musste er sich damit abfinden, dass er rund um die Uhr versorgt werden muss. Seine Familie kann die Betreuung zu Hause nicht mehr leisten. Deshalb ist Kübler vor zwei Wochen ins Hospiz Luise gezogen.

Seit zwanzig Jahren betreut das Hospiz in Kirchrode todkranke Menschen. Bei der Gründung war die Einrichtung die erste ihrer Art in der Stadt. Seitdem hat sie maßgeblich dazu beigetragen, Ideen und Praxis der Hospizbewegung in Hannover zu verbreiten. Karsten Kübler fühlt sich hier wohl. Wenn in diesen Tagen seine Frau, seine beiden Töchter und seine Freunde nach einem Besuch wieder gehen, hat er damit kein Problem mehr. "Ich fühle mich gut vorbereitet", schreibt er in den Computer an seinem Spezialrollstuhl, der ihm die Stimme ersetzt. "Ich habe nicht erwartet, dass ich hier sogar scherzen und lachen kann." Mit seinen Augen kann der 54-jährige Buchstaben auf dem Bildschirm fixieren und Sätze bilden. Weil das sehr lange dauert, schlägt ihm der Computer, wie bei einem Handy, Wörter vor.

Über die stationäre und ambulante Begleitung todkranker Menschen hinaus arbeitet auch das Hospiz Luise an der Verbreitung des Hospizgedankens in der Gesellschaft, in der der Tod gerne verdrängt wird. "Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in die der Tod nicht hineinpasst", sagt Bliefernicht. Er ist Mitgründer des Runden Tisches "Palliativ und Hospiz in der Region Hannover" und koordiniert gemeinsam mit zwei weiteren Einrichtungen in Misburg und der Calenberger Neustadt die Hospizarbeit in der Stadt.

Seit einigen Jahren genießen stationäre Hospize einen ausgesprochen guten Ruf. Das führt dazu, dass sie mitunter lange Wartelisten führen. Etwa 70 Anfragen notiert das Kirchröder Hospiz derzeit -- bei nur acht Betten. Insgesamt gibt es in Hannover 25 stationäre Hospizplätze. Zusätzlich kümmert sich der hauseigene ambulante Pflegedienst um etwa dreißig weitere Patienten zu Hause, in Pflegeheimen und Krankenhäusern. "Die Kapazitäten von Hospizplätzen in Hannover sind ausreichend", sagt Bliefernicht. Einen Platz im Hospiz bekommen nur Patienten, deren Situation eine besondere Versorgung erfordert.
"Es ist nicht so, dass wir ein Haus sind, in dem schön gestorben wird", betont der Leiter. 98 Prozent der Patienten sind Krebspatienten im Endstadium der Erkrankung. Durchschnittlich verbringen sie 21 Tage im Hospiz. Ein für Pflegeeinrichtungen außergewöhnlich guter Betreuungsschlüssel, bei dem 1,3 Mitarbeiter auf einen Patienten kommen, ermöglicht die aufwendige, ganzheitliche Versorgung. Die Patienten bezahlen selbst nichts für die Unterbringung. Der Eigenanteil, den die Kranken- und Pflegekassen nicht übernehmen, wird aus Spendengeldern finanziert.

HAZ-Zeitungsartikel vom 21.08.2014